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Otto Reutter

Mensch, komm' bloß nicht auf die Welt
Ein Mahnruf an alle ungeborenen Menschen
Text und Melodie von Otto Reutter
1922
Text aktualisiert von HaWe Kühl

1.
Heute auf der Welt zu leben
Ist wahrhaftig kein Genuss.
Ach, was kann uns heut' das Leben geben,
Nichts als Ärger und Verdruss.
Heute auf die Welt zu komm'n, das ist ein Missgeschick.
Ich hielt - zu ihrem Glück - die Menschheit gern zurück.
Ach, wenn's irgend möglich wäre, rief ich ohne Ruh'
'nem jeden ungebor'nen Kinde zu:
"Mensch, komm bloß nicht auf die Welt!
Denn da ist es schlecht bestellt.
Komm nicht jetzt - du musst nicht traben -
Teurer kannst du's kaum noch haben.
Will der Klapperstorch dich kriegen,
Bleibe hübsch im Teiche liegen,
Oder flieg zum Sternenzelt.
Mensch, komm bloß nicht auf die Welt!

2.
Auf der Welt ist alles teurer,
Von der Wiege bis zur Gruft.
Täglich kommt man uns mit neuer Steuer -
Man besteuert bald die Luft.
Kind, du kannst dich wundern hier - die Preise steigen sehr -
Das Müsli kostet mehr, die Milch geht auch schon höh'r.
's kommt soweit, die Mutter sagt: "die Milch, die wird mir knapp -
Bezahle du, sonst lief're ich nichts ab."
Mensch, komm' bloß nicht auf die Welt!
Denn da bist du sehr geprellt.
Wirst behandelt ohne Schonung -
Kriegst vielleicht nicht mal 'ne Wohnung.
Hat man eine dir empfohlen,
Fehl'n im Winter dir die Kohlen,
Und dann bist du kaltgestellt.
Mensch, komm' bloß nicht auf die Welt!

3.
Schon den allerkleinsten Kindern
Folgt der Frust auf Schritt und Tritt.
Schulden erben möchten sie gern hindern -
Wenn das ging' - sie machten's mit.
Nehmen wir mal an, ich stünd' als junger Gatte da,
Der Storch, der wäre nah - ich würde bald Papa -
Ach, dächt' ich, mein Kind, ich liebe dich schon eh' du hier.
Doch grad', weil ich dich liebe, rat' ich dir:
"Mensch, komm' bloß nicht auf die Welt!
Such' dir lieber 'n and'res Feld.
Möcht' ja gerne voll Entzücken
An die Vaterbrust dich drücken.
Doch bleib' fort - mach kein Theater -
Such dir später 'n andern Vater -
Von mir wirst du abbestellt.
Mensch, komm' bloß nicht auf die Welt!"

4.
Jedes Kind hat heut' schon Schulden,
Wenn es auf die Welt gelangt.
Alle Zeit soll es die Schulden dulden -
So verlangt's die Deutsche Bank.
Doch für euch, ihr Herr'n, besorg'n wir keine Kinder mehr.
Nein, braucht noch Kinder ihr, dann sorgt doch selbst dafür.
Kind, sobald du kommst, wird dir die Rechnung schon gebracht,
Noch eh' du was "gemacht", bist du verkracht.
Mensch, komm' bloß nicht auf die Welt!
Denn das kost't 'ne Menge Geld.
Hast vom Leben kaum 'ne Ahnung,
Kriegst du schon 'ne Schulden-Mahnung.
Der Staat, der kommt auf leiser Sohle:
"Kind, du bist mir schuld die Kohle.
Drum bezahl', du kleiner Held!" -
Mensch, komm' bloß nicht auf die Welt!

5.
Betrüblich ist das Los des Säuglings -
Wenn er ankommt, geht's im schlecht.
Man versichert sich des Säuglings meuchlings -
und das nennt die Welt "gerecht".
Liebes Kind, die Kinderzeit ist heute kein Gewinn.
Drum denk' in deinem Sinn: "Ich bleibe, wo ich bin."
Heute streikt die ganze Welt, drum rufe ich dir zu:
"Grüß' deine Eltern hübsch und streik' auch du!"
Mensch, komm' bloß nicht auf die Welt
Warte, bis sie dir gefällt.
's wird schon besser mal, versteht sich,
Denn die Welt ist rund und dreht sich.
Also wart', bis sich verschoben,
das Untere dann kam nach oben -
Wenn du oben angestellt,
Mensch, dann kommste auf die Welt!"

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